Kristin Jankowski: Sommerpause in Ägypten

Posted on July 3, 2012 by

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“Das ist genauso wie unter Hosni Mubarak”, hoerte ich den alten Mann sagen, der auf einem Plastikstuhl neben meinem Haus sass. “Wir haben immer noch keine Demokratie”, fuegte er hinzu. Er unterhielte sich mit zwei jungen Maennern, die rauchend vor ihm standen. Und mit den Koepfen nickten. “Wir haben keine Verfassung und kein Parlament”, sagte einer der Maenner und warf seine Zigarette wuetend auf den Asphalt.

Auch nach den Praesidentschaftswahlen ist offenbar noch keine Ruhe in das Land am Nil eingekehrt. Ausser des Militaerrates, der aus zwanzig Generaelen besteht, gibt es derzeit keine politische Institution, die von der Bevolkerung kontrolliert wird. Die aegyptische Armee hat sich noch kurz vor der Praesidentschaftswahl die Macht in einem sogeannten sanften Coup an sich gerissen. Von den Wuenschen der Revolutionaere ist nicht mehr viel uebrig. Der Militaerrat kann Gesetze erlassen und aufloesen, er kontrolliert das Budget. Die Generaele haben sogar das Recht, auszuwaehlen, wer die Verfassung des Landes schreiben darf. Die Machtbefugnisse des neuen Praesidenten Mohamed Morsi sind bisher noch unklar. Der Weg in einen zivilen und demokratischen Staat scheint viel holpriger zu sein, als noch vor einigen Monaten angenommen.

Damals, als sich die jungen Revolutionaere auf dem Tahrir-Platz durch die Menge draengelten. Als sie mit Steinen auf die Sicherheitskraefte warfen. Doch somit scheint sich offenbar keine Revolution zu gewinnen. Nicht in Aegypten, in dem Land, in dem der Militaerrat immer mindestens zwei Schritte voraus ist. Sie machen einen Schachzug nach dem naechsten, um die progressive Bewegung in kleine Stueckchen aufzuteilen. Die Revoultutionaere sind zu oft auf die Machtspiele reingefallen, sie wurden durch die Strassen Kairos gejagt. Verletzt, getoetet. Oder einfach nur hoffnungslos auf dem Fussgaengerweg liegen gelassen. Und ohne Hoffnung laesst sich keine Revolution gewinnen, sie laesst sich auch nicht gewinnen, wenn man in die eigene Trostlosigkeit und Langeweile zurueckfaellt. In den Strassencafes sitzen die sogenannten Aktivisten wieder, schnattern, reden, rauchen Zigaretten. Traeumen von einer besseren Welt. Lachen sarkastisch ueber ihr verlorenes Spiel um Macht und Mitbestimmung. Nur noch die Graffitis an den Waenden scheinen an die Revolution zu erinnern, dort, wo es zu heftigen Strassenschlachten zwischen Demonstranten und Sicherheitskraeften kam.

Die Luft ist erstmal raus. Offensichtlich scheint noch niemand genau zu wissen, wie es denn nun weiter gehen soll. Wo denn ueberhaupt wieder angefangen werden koennte. Es wird mit den Schultern gezuckt. Zur Tagesordnung uebergegangen. Bald faengt der heilige Monat Ramadan an. Zu dieser Zeit gibt es wieder diese tollen Serien im Fernsehen. Es ist sowieso zu heiss. Und irgendwie alles sowieso zu anstrengend. Das Gejammere ist an fast jeder Strassenecke zu hoeren. Die Aegypter scheinen muede zu sein, erschoepft, es seint fast so, als ob viele von ihnen gar nicht wissen, was sie denn nun von den Ueberresten der Revolution halten sollen.

Einige verfluchen die jungen Demonstranten, die ihrer Meinung nach nur Chaos verbreitet haben. Anderen ist es egal. Und ein weiterer Teil der Bevoelkerung will dem neuen Praesidenten eine Chance geben. Es sieht aus wie ein Theaterstueck, eine Seifenoper, die erstmal eine lange Pause einlegt, weil die Schauspieler ihre Rolle neu lernen muessen. Fast so, als sei die revoltutionaere Bewegung, die Hoffnung, der Traum von einem besseren Aegypten, erstmal gewaltig gegen eine dicke Wand gelaufen. ‘Die Tage der sogenannten Machtuebergabe waren langweiliger, als ich es mir vorgestellt hatte” sagte mir mein Mitbewohner. Mohamed Morsi hatte vor dem Obersten Verwaltungsgericht seinen Schwur abgelegt. Die Institution, die nur einige Tage zuvor das Parlament aufloeste. Dort bedankte er sich fuer die Arbeit des Militaers waehrend der Uebergangsphase.

In demokratische Schranken wurde der Weg allerdings nicht eingeleitet. Irgendwann wurde verpasst, die Kurve zu kriegen.  “Die Zeitungen luegen auch wieder”, sagte mir eine andere Freundin, die schmunzelnd am Tisch sass und immer wieder mit dem Kopf schuettelte. “Hier steht doch tatsaechlich, dass das Militaer nach 60 Jahren die Macht an eine zivile Regierung uebergeben hat”. Sie lacht. “Das ist eine Luege. Die luegen uns einfach an. Manche fallen auf die Propaganda rein, manche nicht. Und einige andere wissen nicht, ob sie bei all den Luegen verrueckt werden.” Fuer einen Moment wurde sie sehr ernst: “Das Militaer hat die Macht in der Hand, es gibt doch derzeit keine zivile Regierung, die die Macht von der Armee erhalten koennte. Es ist doch alles ein Witz. Ein schlechter Witz.” Ein Datum fuer die neuen Parlamentswahlen wurde bisher noch nicht genannt, die Zukunft der Verfassungsgebenen Versammlung ist auch noch unklar. Es scheint so, als ob die Sommerpause in Aegypten begonnen hat. Verschnaufspause.

Kristin Jankowski                             Foto: Ahmed Khattab

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