Zum Geleit – Das Libanon-Netzwerk auf Arab Spring Collective (ASC)

Posted on August 10, 2012 by



Der Libanon ist zweifelsohne eines der interessantesten Länder in der MENA[1]-Region. Mit 18 anerkannten Religionsgemeinschaften stellt er eines der vielfältigsten und vielschichtigsten Länder der Region dar.Die Libanesen, auf ihre Bevölkerungszahl bezogen, sind mit Abstand auch die größte arabische Diaspora, mit geschätzten über 15 Millionen Auslandslibanesen. Das sind in etwa vier Mal mehr als im Libanon selbst leben. Vor allem in Brasilien und den frankophonen Staaten Afrikas wurden die libanesischen communities seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem nicht mehr wegzudenkenden Teil der Bevölkerung und zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor, vor allem im Rohstoff- und Ressourcenhandel. So ist etwa in Sierra Leone der Diamantenhandel fest in der Hand libanesischer Geschäftsleute, meist schiitischer Herkunft, wohingegen in Brasilien fast ausschließlich Christen, v. a. maronitischer Herkunft, beheimatet sind. Mit einer geschätzten Zahl von fast sechs Millionen wurden sie nicht nur zu einem integralen Teil der brasilianischen Gesellschaft und Kultur, sondern gehören außerdem zu den Spitzenverdienern im Land. Man hat den Libanesen schon immer nachgesagt, einen guten Geschäftssinn zu besitzen, weswegen man oft den historischen Vergleich mit dem semitischen Handelsvolk der Phönizier zieht, die hauptsächlich im Bereich des jetzigen Libanons lebten[2]. Trotz allem blieben die Libanesen in der Diaspora immer ihrer Heimat verbunden. So darf es nicht verwundern, dass etwa die Bevölkerungsstatistik offiziell mit Sommer- und Winterzahlen angegeben wird, da im Sommer mehrere Millionen Auslandslibanesen ihre angestammte Heimat besuchen. Dies macht sie auch im Libanon selbst zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Das Geld, das im Ausland gemacht wird, wird zu einem beträchtlichen Teil im Libanon in Immobilien angelegt. Und im Sommer profitiert v. a. auch die libanesische Tourismusindustrie stark davon. Auch für die „zurückgebliebenen“ Verwandten wurde die finanzielle Unterstützung ihrer Verwandten aus dem Ausland teils unentbehrlich, denn die wirtschaftliche Situation im Libanon sah nie sehr rosig aus. Auch wenn der Libanon, vor allem aber Beirut, während des „goldenen Zeitalters“ der 1960er Jahre zur „Schweiz des Orients“ wurde, so kam dieser vermeidliche Wohlstand leider nur einer sehr dünnen – meist christlichen, aber auch sunnitischen – Oberschicht zugute. Die verarmte, hauptsächliche schiitische Landbevölkerung wurde größtenteils vollkommen ignoriert. Von den etwa 400.000 palästinensischen Flüchtlingen, die seit 1948 bis heute zum überwiegenden Großteil in Flüchtlingslagern leben, ganz abgesehen. Dieses Gewirr aus unterschiedlichen „Ethnien“ versuchte die französische Protektoratsmacht 1943 durch ein konfessionell organisiertes Parlament und Regierungssystem zu organisieren. Jeder Religionsgemeinschaft sollte entsprechend ihrer demographischen Verteilung im Land eine entsprechende Zahl an Parlamentssitzen zugestanden werden, wobei der Präsident immer ein maronitischer Christ, der Premierminister immer ein sunnitischer- und der Parlamentspräsident immer ein schiitischer Moslem sein müssen, da diese drei Gruppierungen die Mehrheit stellten. Diese Regelung geht auf Angaben einer offiziellen Volkszählung von 1932 zurück. Die Mehrheit hat sich aber zugunsten der Schiiten drastisch von den Christen weg verschoben, innerhalb der vergangenen 80 Jahre. Dennoch gab es bis heute keine weitere offizielle Volkszählung. Dies garantierte den Christen lange Zeit uneingeschränkten Freiraum, den Staat zu ihren Vorteilen zu gestalten, was naturgemäß bei der muslimischen Bevölkerung auf Widerstand stieß. Ein daraus resultierendes soziales Ungleichgewicht führte entlang konfessioneller Linien stetig zu Auseinandersetzungen und mündete letzten Enden in einem erbitterten Bürgerkrieg[3].

So darf es auch nicht verwundern, dass Auslandslibanesen, v. a. aus Afrika, Parteien und Organisationen, die anfänglich im Charity- Bereich tätig waren, stark unterstützen. Wo staatliche Hilfe und Unterstützung teilweise zur Gänze fehlte, wurden politische- sowie religiöse Ideologien, die gegen den Status Quo der de facto christlichen Feudalherrschaft aufbegehrten, gerne angenommen. Eine Unterstützung, die im Bürgerkrieg auch militärische Verbände am Laufen hielt. Schiitische Milizen wurden zum Teil durch Geld aus dem Diamanten- und Rohstoffhandel aus Afrika finanziert. Christliche Milizen hingegen konnten auf Unterstützung durch ihre Diaspora zählen. Nach dem Bürgerkrieg erholte sich das Land allmählich wieder von den Wunden des Krieges, aber der Südlibanon blieb weiterhin ein Armenhaus. Nicht zuletzt auch aufgrund der israelischen Besatzung bis zum Sommer 2000. Die schiitische Widerstandorganisation Hisbollah wurde de facto zur Regierung im Süden. Ein weit ausgebautes Charity- System trat an die Stelle, wo der Staat hätte seinen Finger auf die Wunde legen sollen. Die Hisbollah übernahm militärische sowie polizeiliche Aufgaben. Der Staat existierte de facto nicht. Neben der Hisbollah und den Israelis, trieb auch noch die dubiose, von Israel aufgestellte und finanzierte aber dennoch libanesisch bemannte Südlibanonarmee ihr Unwesen, nebst kommunistischen sowie marxistisch-leninistischen Kampfverbänden, Kämpfern der Amal-Bewegung[4], verschiedensten Palästinensermilizen und etwa 4000 Soldaten der UNIFIL[5] und UNTSO[6]. Die reguläre libanesische Armee existierte bis zum Jahre 2000 nicht im Südlibanon. Die genauen Hintergründe des libanesischen Bürgerkrieges, die historischen Entwicklungen des Landes sowie die politischen Allianzen ausführlich zu erläutern würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, 15 Jahre Bürgerkrieg und 70 Jahre libanesische Staatsgeschichte zu erklären würden das Thema auch komplett verfehlen. Aber es ist dennoch wichtig, sich zumindest einen groben Überblick zu verschaffen, um die zukünftigen Publikationen im Libanon Netzwerk auf ASC besser zu verstehen.

UNIFIL Grenzpatrouille

Heutzutage ist der Libanon in gewisser Weise ein Abbild seiner jüngsten Vergangenheit. Nach wie vor ist der Südlibanon ein Pulverfass. Mit beinahe 15.000 UNIFIL Soldaten wurde die internationale Mission drastisch aufgestockt seit dem Ende des zweiten Libanonkrieges 2006 und die libanesische Armee hat nach Beendigung des Krieges, erstmals seit Ende der 60er Jahre, wieder Stellung im Südlibanon bezogen. Dennoch bleibt die Vormachtstellung der Hisbollah im Südlibanon de facto ungebrochen.

Doch der Libanon, respektive der Südlibanon, ist weit mehr als nur die Hisbollah. Die „Artenvielfalt“ an politischen Bewegungen und militanten Organisationen hat gerade im Südlibanon eine Dichte, die es kein zweites Mal in der MENA- Region gibt.

Nicht nur gegenwärtig aktive Gruppen, oder in die Medien gekommene Gruppen, machen dem Libanon Probleme, vielmehr sind es die sich spontan gründenden Splittergruppen, oft Abspaltungen bestehender (radikaler) Organisationen, die in der Regel weitaus radikalere Ausartungen annehmen können. Man erinnere an dieser Stelle nur an Arafat’s PLO- Teilorganisation Fatha, aus der sich im Libanon die Syrisch unterstützte Fatha Intifada abspaltete. Daraus hervorgegangen ist unter dubiosen Umständen die Fatha Al-Islam, eine salafistische Extremistengruppe, die sich im Sommer 2007 mit der libanesischen Armee monatelange Gefechte lieferte, mit hunderten Toten auf beiden Seiten.

Fatha Intifada Checkpoint – Shatila/Beirut

Hinlänglich hat der Libanon schon immer eine rege Eigendynamik gehabt. Geheimdienste können dieses Chaos längst nicht mehr durchschauen und auch fachlich kompetenten Nahostexperten fehlt diesbezüglich oft der Bezug zur einfachen Bevölkerung, um dafür einen gewissen Spürsinn zu entwickeln.

Die Hisbollah ist dagegen – trotz oder gerade wegen ihrer straffen Organisation und ihres Geheimdienstapparats – eine vergleichsweise „überschaubare“, geradezu „berechenbare“ Organisation. Die Hisbollah ist nicht gefährlich, solange man die politische Szene aufmerksam beobachtet. Bei anderen Gruppen stellt sich allerdings oft die Frage welche politischen bzw. religiösen Ziele diese verfolgen. Motive erscheinen oft Jahre nach Anschlägen noch nicht plausible und oft gibt es Umgründungen, hin- und her Spaltungen, dass man selbst als Insider, geradezu als Mitglied einer solchen Gruppe schnell den Überblick verlieren könnte. Als es zum Beispiel im Dezember 2007 einen Katjuscha-Beschuss von einer salafistischen Palästinensergruppe, die sich selbst als Abdullah-Assam-Brigaden bezeichnete, gab, wusste keiner woher diese Gruppe kam und was ihre Motive waren.

Zu sich spontan gründenden Gruppen, im Libanon gerne als „Chaosgruppen“ bezeichnet,  können Anhänger sämtlicher im Libanon vertretener ethnischer und religiöser Gruppen gehören. Sunnitische Palästinenser (u.a. Asbat al-Ansar), Maronitische Christen (Guards of the Cedars) und politisch aktive Familienclans aus den unterschiedlichsten Landesteilen sind da nur ein paar Beispiele. Quer durch die Bank gibt es äußerst fähige europäische Diplomaten, Attachés und Arabisten, die über ein enormes und detailliertes Wissen über den Libanon verfügen, dennoch aber keinen Bezug zur Bevölkerung haben (u.a. Kritikpunkt des ehemaligen UNIFIL-Sprechers Timor Göksel), um diesbezüglich immer verlässlich Situationen einschätzen zu können. Aber grade daran hat es immer gehapert.

„Auch mit radikalen Gruppen kann man reden, selbst mit dem Teufel“, wenn man an dieser Stelle an den österreichischen Altbundskanzler Bruno Kreisky erinnern darf, der als erster westlicher Regierungschef im Jahre 1979 den damaligen PLO-Chef Yasser Arafat als Staatsmann empfing.

Trotz des unverwechselbaren Nachtlebens in Beirut, mit den hippen Clubs und Bars, ist der Libanon dennoch eine durch und durch undurchsichtige Gesellschaft mit vielen Facetten, ganz nach sizilianischem Muster! Von der trügerischen Liberalität der Libanesen darf man sich daher nicht täuschen lassen. Grundsätzlich trägt jeder Waffen. Es gibt kaum Privathaushalte, wo man keine AK-47 oder M-16 im Schrank finden würde oder zumindest Pistolen, Handgranaten oder Flinten. Privatstreitigkeiten enden oft im Kalaschnikowgefecht, z.B. über eine Parkplatzlücke – so geschehen im Sommer 2010 im Beiruter Stadtteil Basta. Der spontane Volkszorn kann sich schnell entzünden und auch Lynchjustiz (Ketermaya – Vorfall 2010) ist im Libanon keine Seltenheit. Die Vendetta ist vor allem entlang konfessioneller Linien, bei Stämmen in der Bekaa-Ebene aber auch im Südlibanon nach wie vor gängige Rechtssprechung, sogar unter den ach so frankophonen Maroniten. Strafen dafür fallen eher milde aus oder kommen erst gar nicht vor Gericht.

An Wochenenden mit Maschinengewehren auf die „Vogel-Jagd“ zu gehen ist ebenfalls nichts Besonderes. Schießen ist Volkssport Nummer eins. Auch nicht ungewöhnlich ist der private Besitz von schultergestützen Antipanzerwaffen , wie z.B. einer RPG-7.

Dann kommt auch noch der unberechenbare Faktor ‘Israel’ dazu. Ständige Spannungen an der südlichen Grenze und de facto permanenter Kriegszustand mit Israel bringen vor allem im Südlibanon die regionale Entwicklung zum Stagnieren. In so einem Chaos ist es kaum verwunderlich, das der Libanon auch zum Land der Stellvertreterkriege wurde. 15.000 UNIFIL Soldaten aus über 30 Ländern der Welt werden zum Teil mit offenen Armen empfangen, zum Teil begegnet man ihnen aber auch mit Ablehnung. Je nachdem welche UNIFIL-Nation auf welche Personengruppe trifft. Leider wird die Entwaffnung der Milizen im Libanon von der westlichen Politik sehr einseitig ausgelegt. Während die Sunniten um den ehemaligen Premierminister Hariri „private Sicherheitsdienste“ unterhalten, die de facto aber wie Milizen bzw. Söldner agieren, wie es sich im Minibürgerkrieg in Beirut im Mai 2008 zeigte und auch die Drusen im Chouf- Gebierge weiterhin über Artillerie verfügen, wie ebenfalls im Mai 2008 klar wurde, aber nur einseitig die Hisbollah und die Palästinenser entwaffnet und deren Waffenschmuggel unterbindet werden soll, spricht für sich. Naturgemäß stehen die Regierungen von Deutschland und Frankreich andres zur Hisbollah wie etwa China oder das neutrale Österreich. Entsprechend wird ihnen auch begegnet. Umarmungen von den einen, strafende Blicke von den anderen.

UNIFIL im August 2006

Neben den politischen und religiösen Spannungen im Land gibt es aber auch noch zahlreiche soziale Spannungen und eine ganze Reihe von NGOs die dagegen arbeiten. Beirut – das einstige „Paris des Ostens“ wird zusehends zu einem „zweiten Dubai“. Immobilienpreise haben sich seit dem Julikrieg 2006 teils vervierfacht und sind weiterhin am Steigen, während ein Durchschnittseinkommen im Libanon noch immer bei weniger als 500$ liegt und die Mittelschicht daher entweder in die Ghettos der Stadtränder abwandert oder u. a. nach Europa und die USA emigriert[7]. Junge Menschen sind daher gezwungen nach wie vor bei ihren Eltern zu wohnen, selbst wenn sie das Glück haben eine gute Arbeit gefunden zu haben und verheiratet sind. Enorme Preise für Lebensmittel und Mieten, durchaus auf europäischem Niveau, teilweise auch höher, zwingen dazu. Daraus entsteht auch eine gewisse sexuelle Frustration, aufgrund der fehlenden Privatsphäre, eine Problematik, die auch schon zum Thema von Fachpublikationen[8] wurde. Es ist auch nicht verwunderlich, dass Libanesen einen der höchsten Absätze an Psychopharmaka haben. Die Libanesen sagen sarkastisch auch, dass sie Xanax so nehmen wie wir Europäer Aspirin. Spontane Bildungen entschlossener Kampfverbände, eventuell aus NGOs heraus, können auch da nicht mehr ausgeschlossen werden. Frustration führt auch zur Zuwendung zum Glauben. Private Wehrsportübungen in den Bergen und im Südlibanon hat es zumindest wieder seit den frühen 2000er Jahren gegeben.

Auch die gegenwärtigen Ereignisse in Syrien, in Anlehnung an den „arabischen Frühling“, lassen mit Sorge auf den Libanon blicken. Eine signifikante Schwächung oder gar ein Wechsel des Baath- Regimes in Syrien könnte sich auch fatal auf das Mächtegleichgewicht im Libanon auswirken. Eine Schwächung der Hisbollah könnte erneute bürgerkriegsähnliche Zustände provozieren. Tatsächlich könnte der Ausgang der Ereignisse in Syrien über einen neuen Bürgerkrieg im Libanon entscheiden. So ironisch es auch erscheinen mag, aber gegenwärtig stellt die Hisbollah einen stabilisierenden Faktor innerhalb des Libanon dar, der durch eine Stärkung sunnitischer Kräfte empfindlich das Gleichgewicht des gesamten Landes stören könnte. Und das bedeutet im Libanon immer nur eines – Bürgerkrieg mit Balkan-typischen Zuständen!

Andererseits zeiht gerade das „Gespenst“ der Demokratie durch die arabischen Lande. Der Hunger nach mehr Selbstbestimmung brodelte auch in Syrien schon lange unter der Oberfläche. Assad hat es verabsäumt, da früh genug echte und glaubwürdige Reformen umzusetzen. Und die Opposition ist sich uneinig über eine Ära nach Assad, während salafistische Söldner, finanziert und ausgerüstet von den ölreichen Golfstaaten, unter den wohlwollenden Blicken der Amerikaner sowie auch Israelis, das Land in einen blutigen und schmutzigen Krieg trieben. Entwicklungen, die nicht nur mit Sorge auf die Nachbarländer blicken lassen, sondern jetzt auch schon im Libanon zu heftigen bewaffneten Auseinandersetzungen führten. Die üblichen Stellvertreter-Hahnenkämpfe mit Kalaschnikows im Beiruter Sunnitenstadtteil Tarek E-Jdiddeh waren zu erwarten, was aber eher überraschend kam, waren die äußerst blutigen Ereignisse im Juni diesen Jahres in der nördlichen Hafenstadt Tripoli, wo es seit 1985 wieder die schwersten Kämpfe zwischen sunnitischen Extremisten und alawitischen Bürgerwehren gab, mit dutzenden Toten und Verletzten.

Indes bemühen sich die westlichen Medien vielmehr darum, möglichst am Krieg aktiv teilzunehmen, als hinter die Kulissen zu blicken und darüber kritisch zu berichten. Namhaften Nahostexperten wie einem Peter Scholl-Latour wird zwar nicht der Mund verboten, aber das wohl auffallend zaghafte zu Wort kommen lassen seiner Expertisen und kritischen Worte über Medien und Politik spricht wohl für sich. Obwohl der Großteil der 9/11- Attentäter Saudische Staatsbürger waren und allesamt Sunniten, wird der Welt weiterhin suggeriert, dass der schiitische Iran, Syrien und die ebenfalls schiitische libanesische Hisbollah der Weltfrieden größte Gefahr sind. Da erfreut sich die westliche Politik nicht nur der traditionell blinden Wut sunnitischer Extremisten gegen die „vom wahren Glauben abtrünnigen“ Schiiten, die weitaus größer ist, als gegen andere Glaubensgemeinschaften oder gar gegen Israel, sondern auch die Salafisten über ihren neuen alten Freund und Financier, die USA. Geopolitische und geostrategische sowie marktwirtschaftliche Interessen machen die Welt abermals blind für die bittere Realität eines Krieges. Hunderttausende Menschen auf der Flucht, Chaos und Unfrieden in den Nachbarländern, Massaker an Andersdenkenden, Anschläge noch Jahre später, enorme volkswirtschaftliche Schäden in den betreffenden Ländern, Zerstörung von unschätzbarem Kulturgut. Und alles nur für Macht und ein paar Dollar mehr.

In Tripoli regieren längst Banden von extremistischen Sunniten den Großteil der Stadt. Die Präsenz des Militärs und der Polizei wir allenfalls geduldet, erwünscht ist sie nicht. Der Staat als solches wird nicht nur in Frage gestellt, sondern offen abgelehnt, die Errichtung eines eigenständigen Staates, möglicherweise in Form eines Kalifates, offen propagiert. Tripoli und die Regionen nördlich von Akkar wurden längst schon zum Hinterland für die sogenannte „Freie Syrische Armee“, die von den Tripoli- Sunnisten logistische, teilweise finanzielle oder sogar militärische Hilfe bekommen. So wurde Tripoli über die vergangenen Monate regelrecht zu einem Mekka für Jihadisten aller Herren Länder, die in Tripoli teils bewaffnet oder von dort aus nach Syrien geschleust werden, um im Namen Allahs von Assad zu befreien. Gemäßigte Sunniten und sunnitische Regierungsvertreter stehen diesen Chaosgruppen in Tripoli, deren Zahl in die dutzende geschätzt wird und deren bewaffnete Kämpfer mittlerweile tausende zählen könnten, machtlos gegenüber. Um noch den Anschein von Einfluss in der sunnitischen Community aufrecht zu erhalten, finanzieren namhafte sunnitische Clanführer sowie Geschäftsleute einzelne Gruppierungen, sei es um ihren Einfluss noch irgendwie geltend zu machen oder sich Zeit zu erkaufen. Zeit, um wieder Ruhe und staatliche Ordnung herzustellen, deren Hoffnung jedoch Tag für Tag mehr schwindet.

Libanesischer Soldat in Beirut

Während ein neuer Grenzkonflikt mit Israel ständig wie ein Damoklesschwert über dem Libanon schwebt, Tripoli zu einem zweiten Kabul zu werden scheint und Syrien zu einem weitern Irak, wird in den Clubs von Beirut weiterhin bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, denn wie ein Sprichwort schon sagt „Wir werden niemals Frieden haben, aber unsere Stadt stirbt nie“.

So vielfältig die Religionsgemeinschaften und politischen Strömungen im Libanon auch sind, so vielfältig sollen auch die Beiträge im Libanon-Netzwerk auf ASC sein. Jedoch hat religiöser Fundamentalismus – muslimischer sowie christlicher – keinen Platz! Auf eine kritische Betrachtung der Ereignisse in und um den Libanon wird allerdings wert gelegt!

Thomas Kukovec (Leibnitz – Beirut), 10.08.2012


[1] MENA: Middle East and North Africa

[2] A house of many mansions – “The history of Lebanon reconsidered”, Kamal Salibi (1990)

[3] Libanesischer Bürgerkrieg: April 1975-Mai 1991

[4] Harakat Amal – „Hoffnungsbewegung“, ist eine bürgerliche schiitische Partei; seit 1981 Vorsitz durch den langjährigen Parlamentspräsidenten Nabih Berri; Berri’s Herkunft ist unklar, er wurde vermutlich 1938 in Sierra Leone geboren.

[5] United Nations Interim Force in Lebanon (UNIFIL, deutsch: Interimstruppe der Vereinten Nationen in Libanon) ist eine Beobachtermission der UNO im Libanon

[6] United Nations Truce Supervision Organization (UNTSO, deutsch: Organisation der Vereinten Nationen zur Überwachung des Waffenstillstands), gegründet 1948, ist eine weiterhin andauernde Friedensmission der Vereinten Nationen zur Wahrung des Waffenstillstandes im Nahen Osten

[7] siehe Kazamaza Magazine Artikel: Bye Bye Beirut, Thomas Kukovec (Beirut, Mai 2011)

[8] Testosteron Macht Politik, Dr. Karin Kneissl (Braumüller Verlag, 2012); Sexuality in the Arab world, Samir Khalaf and John Gagnon (Saqi books, 2006)

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